Eine warme Portion Nostalgie mit Sébastien Schuller in der Supernova

Nachdem auch ich erfahren hatte, dass Sébastien Schuller nicht in der Kulturbrauerei, sondern in der Supernova im Prenzlauer Berg, spielen würde, weil der zweite Act des Abends wegen eines Streiks an den Pariser Flughäfen nicht nach Berlin kommen konnte, machte ich mich auf dem Weg dorthin. An der Station Stadtmitte steige ich in die U2 Richtung Schönhauser Allee um und wen treffe ich dort zufällig? Den hübschen Mann aus dem Waschsalon, den ich für die Ankündigung von Sébastien Schuller interviewt hatte! Ob er denn auch zum Konzert käme? Nein, er hatte eine anstrengende Woche. Aber zumindest hatte er es sich in seine Agenda eingetragen und lieferte mir den Beweis. Irgendwann, nass und halb erfroren dank des Berliner Herbstes, komme ich endlich in der Supernova an. Der kleine Laden im Prenzlauer Berg ist schier überfüllt mit Menschen, denen man das Herbstwetter nicht ansieht.

le décor au supernovaDie Atmosphäre in der sehr liebevoll und nostalgisch eingerichteten Bar mit einem alten Küchenschrank hinter dem Tresen, dem gedämpften warmen Licht aus Lampen vergangener Tage scheint perfekt für eine Session des französischen Künstlers zu sein.

Hier zwei kurze Interviews vor dem Konzert. Es fehlt Licht, sorry…

In einem kleinen Nebenraum der Bar, eingerichtet mit ein paar Stühlen und alten Sofas, nehmen wir Platz oder lehnen uns entspannt an die Wände le publicum Sébastien Schuller spielen zu hören und zu sehen. Die Atmosphäre blieb sehr familiär und wenn man sich umschaute, entdeckte man beispielsweise eine Frau auf einem kleinen Sessel, die ihre Augen während des gesamten Konzerts geschlossen hatte, als wollte sie das Konzert ganz für sich allein haben. Andere wippten die Titel kennend mit, wieder andere schauten den Künstler einfach nur an.

Die Bühne Sébastien Schullers erinnerte mich an das kleine Heimstudio eines befreundeten Musikers. Dahinter an der Wand der in diesem Kontext etwas verstörende Fotodruck von Palmen im Hochsommer. Sébastien Schuller saß mal am Piano und sang ins Mikrophon hinein, mal stand er mit dem Mikro in der Hand über seinen

Anlagen gebeugt, um seine Stücke zu inszenieren. Schuller sur scèneEin Künstler im T-Shirt, schwarzer Hose und Basecap, dem das Reden vor dem Publikum nicht im Ansatz so viel Spaß machte, wie in seiner Musik zu versinken.  Er wirkt verletzlich, dort in den rar ausgeleuchteten Raum, mit dieser gefühlvollen und sanften Stimme. Mir geht sie zusammen mit den Pianoklängen tief unter die Haut. Seine Musik ist wie eine Reise zu sich selbst. An den Leerstellen hallt es. Eine Mischung aus Altbekanntem und Neuem, das sich zusammentut und dich prägt. Und irgendwann weißt du nicht mehr, wo genau diese Symbiose angefangen hat.

Hier kurze Mitschnitte des Konzerts in furchtbar schlechter Qualität. Entschuldigung dafür!

Als er zum letzten Stück „Weeping Willow“ (http://www.dailymotion.com/video/xbwhz_sebastien-schuller-weeping-willow) seines ersten Albums Happiness, ansetzte, applaudierten und jubelten seine Fans und ich bin doch erstaunt, dass es scheinbar viele im Publikum gab, die ihn sehr gut kennen. Die hatte ich bei meinen Recherchen vor ein paar Wochen leider nicht angetroffen. Auch nicht bei meinen kurzen Interviews einiger Leute aus dem Publikum.

Hier ein Interview mit einem sehr lustigen Brasilianer direkt im Anschluss an das Konzert:

Beim anschließenden Interview mit Sébastien Schuller denke ich mir, dass er ein unglaublich netter und authentischer Mensch ist, von Abgehobenheit keine Spur!. Ich machte mir vorher etwas Sorgen, dass er gar nicht zu einem Interview bereit sein würde, was sich aber als völliger Quatsch heraus stellte. Er habe sich sogar unseren Blog durchgelesen, aber leider nicht viel verstanden. Mein Video „Im Kino“, das eigentlich nur schwarz ist, weil ich aus Versehen, anstelle einer Audio- eine Videodatei erstellt habe, gefiel ihm besonders. Den Titel Midnight von seinem neuen Album Evenfall, um den es im Interview geht, habe er noch einmal ganz anders wahr genommen. Ob ich es ihm übersetzen würde. Nichts lieber als das! (Hier könnt ihr euch den Titel bei deezer anhören: (http://www.deezer.com/fr/music/sebastien-schuller#music/sebastien-schuller)

Zum ersten Mal sei er nach Berlin gekommen, also auch zum ersten Mal in den Prenzlauer Berg. Das Dekor der Bar war ungefähr das, was er als Idee von Berlin im Kopf hatte und was er sich schließlich zu sehen erhoffte. Ich schlage ihm vor, mal ein bisschen Spazieren zu gehen und mal einen Döner oder eine Currywurst zu essen. Das sei halt auch Berlin. Und die vielen freien Flächen, der architektonische Mix, der manchmal, gerade für Pariser, auch verstörend wirken kann. Er frage sich, warum er eigentlich nie nach Berlin gekommen sei. Seit vier Jahren lebt er zwischen Paris und Philadelphia, was nicht nur geographisch  weit voneinander entfernt ist, sondern auch bezüglich der Mentalitäten. Manchmal, so, sagt er, sei es schon nicht einfach, ständig zu reisen, als seien es zu viele Eindrücke auf einmal. Für seine Kreativität sei es ihm außerordentlich wichtig, sich zu langweilen, weil ihn das inspiriert. Doch nicht nur die Langeweile, sondern auch andere Bands inspirierten ihn. So entdeckte er erst kürzlich die Berliner Moderat (http://www.myspace.com/moderat) oder Apparat (http://www.myspace.com/apparat). Sascha Ring, der bei Projekten arbeitet, hat beim Myspace-Auftritt von Apparat untertitelt „Romanticism 3.0“. Ja, da gibt es Parallelen zu Sébastien Schuller und ich denke mir, so könnte man „Huckleberry Finn des 21.Jahrhunderts“ auch ausdrücken.  Wer weiß, vielleicht kommt Sébastien Schuller jetzt ja öfter nach Berlin… Aber in nächster Zeit wird das wohl erstmal nichts, wenn man sich die Liste seiner noch folgenden Tourdaten anschaut. Jetzt geht’s erstmal nach Caen. Viel Erfolg!

Hier gibt’s das Video zum Interview – bis die Spreichekarte voll war…

Hier auch mal die Stimmen der anderen:

http://www.rfimusique.com/musiqueen/articles/113/article_8218.asp

http://www.78s.ch/2009/06/08/song-des-tages-sebastien-schuller-the-border/

http://www.arte.tv/de/Kultur-entdecken/ARTE-Kultur/261666,CmC=2693922,CmPart=com.arte-tv.www.html

Von Christin Hartung

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